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Übertragungen. Funktionen und Wahrnehmungen der visuellen Exegesen des Bildsystems der Doppelkirche von Schwarzrheindorf

Gielen-Leyendecker-Fellowship

Projektmitarbeiterin:

Dr. Hanna Christine Jacobs

 

Projektmentor:

Prof. Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck

 

Wissenschaftliche und studentische Hilfskräfte:

Miriam Guth B.A.

Nils Schulz

 

Das Projekt untersucht die von dem Kölner Erzbischof Arnold von Wied auf dem Areal seiner Familienburg errichtete hochmittelalterliche Doppelkapelle St. Maria und Clemens im Bonner Stadtteil Schwarzrheindorf. Besonderes Augenmerk liegt auf dem einzigartigen Bildprogramm aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, einem Bilderzyklus zu den alttestamentlichen Visionen des Propheten Ezechiel, das in seiner innovativen Ikonographie, medialen und bildargumentativen Anlage, konzeptionellen und kompositorischen Struktur im zeit- und geistesgeschichtlichen Kontext sowie in seinem architektonischen Rahmen und dessen Rezeptionsvorgaben analysiert wird.

Eine erneute Beschäftigung mit den exzeptionellen Wandmalereien ist geboten, da die letzte, 1999 abgeschlossene Restaurierung den mittelalterlichen Originalbestand der im 19. Jahrhundert unter mehrfachen Tünchen wiederentdeckten und teils fehlerhaft ergänzten Ausmalung klären konnte. Die überraschende Erkenntnis, dass deutlich mehr als erwartet dem Ursprungsbefund zugerechnet werden kann, stellt die Untersuchung auf eine völlig neue Basis.

Während die Architektur – „eine der geistreichsten, am weisesten überlegten, am konsequentesten durchdachten architektonischen Schöpfungen des ganzen 12. Jahrhunderts“ (Paul Clemen)  – bereits vielfach zum Gegenstand der Forschung gemacht wurde, haben die Wandmalereien seitens der Kunstgeschichte noch nicht die dem Anspruch des Baus gebührende Aufmerksamkeit erfahren. Zentrale Fragen bis hin zur Klärung einiger Ikonographien sind bis heute offen. Auch das genaue Verhältnis des Bildprogramms zu dem als Inspirationsquelle vermuteten Ezechielkommentar des Rupert von Deutz ist nicht ausreichend geklärt. Darüber hinaus wird oft pauschal auf die Komplexität der Bedeutungsbezüge und Übertragungsebenen im Bildprogramm verwiesen, ohne, dass dies inhaltlich ausführlich dargelegt und die dies anzeigenden formalen Aspekte benannt werden oder untersucht wird, inwiefern diese Übertragungsebenen auch die doppelstöckige Architektur bzw. den Bau in seiner gesamten Anlage und Konzeption miteinbeziehen. Ziel des Projekts ist daher eine umfassende Analyse der visuellen Strategien und der Wahrnehmung der Bilder im Raumzusammenhang. Inwiefern regen die konkrete Gestaltung der Bilder und ihre räumliche Disposition die visuelle Exegese an? Welche bildlichen Mittel werden angewendet, um den Betrachter auf die komplexen Bedeutungsbezüge der Bilder untereinander und die vielfachen Bedeutungsdimensionen und Übertragungsebenen des Dargestellten hinzuweisen? Welches Vorwissen, welche Fähigkeiten sind dabei gefordert, wer sind also die Adressaten? Welches Ziel verfolgt der Auftraggeber damit und welche Funktionen erfüllen die Bilder in ihrem konkreten zeithistorischen, geistesgeschichtlichen und sakralräumlich-performativen liturgischen Kontext? 

Ausgangsthese des Projekts ist eine postulierte Verwandtschaft des Bildprogramms zu den Wissenspraktiken der Scholastik und dem Gebrauch diagrammatischer Bildformen. Zentrale Anliegen sind demnach die Analysen des Bildvokabulars, der Bildmittel und der Bildordnung sowie ihre potentielle Rezeption vor dem Hintergrund des Bilddenkens im Kontext des „diagrammatic turn“ des 12. Jahrhunderts. Die Erforschung der Bildstrategien innerhalb einer Wissenskultur wie der Scholastik erscheint angesichts der aktuell zunehmenden Bedeutung von visualisierten Informationen in heutigen Medien der Wissensvermittlung relevant.

Mit der Verknüpfung von Fragen zur Architektur, zum Bildsystem und deren Zusammenhang mit diagrammatischen Bildmedien, Exegesepraktiken und Wissenskulturen der Zeit ist die Ausrichtung des Projekts grundsätzlich interdisziplinär und berührt nicht nur die Kunstgeschichte, sondern auch Bereiche der Bauforschung, Denkmalpflege, Geschichte, Theologie sowie Medien- und Liturgiewissenschaft. Das Projekt verfolgt neuere Ansätze der kunsthistorischen Forschung zu Bild-Text-Verhältnissen, Medien- und Raumtheorien, Rezeptionsprozessen und Performanz sowie Metareferenzialitäten, die es mit klassischen ikonographisch-ikonologischen, ikonischen und narratologischen sowie kontextorientierten Fragestellungen kombiniert.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Doppelkirche von Schwarzrheindorf ist gute Bonner Forschungstradition, die es fortzuschreiben gilt. Nicht nur die räumliche Nähe, auch die Ausrichtung der Wissenschaftler*innen des Bonner KHI und der Universität insgesamt bieten ideale Bedingungen für das Projekt: Der Projektmentor Prof. Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck befasste sich im Rahmen des BMBF-Projekts „Innovation und Tradition. Objekte und Eliten in Hildesheim, 1130–1250“ mit sehr ähnlichen Fragestellungen am Gegenstand der Bildkultur Hildesheims des 12. und 13. Jahrhunderts. Steffen Kremer M.A. und Svenja Trübenbach M.A. arbeiten im Rahmen des Teilprojekts „Der König als Gast – Haus und Herrschaft in der profanen Wandmalerei“ des Bonner SFB 1167 „Macht und Herrschaft - Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“ unter Leitung von Prof. Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck zu Fragen der Auftraggeberschaft und performativen Einbindung von Wandmalerei. Die Restauratorin Julia Hurlbeck M.A. arbeitet im Rahmen des DFG-Projekts „Das Haus in der Stadt vor 1300“ bei Dr.-Ing. Barbara Perlich-Nitz, TU Berlin und Prof. Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck zur Materialität hochmittelalterlicher Wandmalerei und Dr. Francesca Soffientino als Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung am Kunsthistorischen Institut (Mentor Prof. Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck) zu den Staufern und der Kunst in Italien. An der Universität Bonn sind zudem mit den historischen und theologischen Fächern, insbesondere auch mit der Arbeitsstelle Inschriften und mit der Liturgiewissenschaft, exzellente Ansprechpartner*innen zentraler Nachbardisziplinen vertreten. Es ist deshalb ein großes Privileg, sich den Schwarzrheindorfer Wandmalereien in diesem Projekt widmen zu dürfen und dabei den Untersuchungsgegenstand quasi „vor der Haustür“ zu haben.

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