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"Staatsmalerei" auf dem westdeutschen Kunstmarkt: Willi Sittes Körperbilder im Kontext zeitgenössischer Kunstdiskurse

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Der Galerist Michael Hertz in Bremen feierte sein 50-jähriges Bestehen im Jahr 1982 mit einer Ausstellung des damaligen DDR-Künstlers Willi Sitte (1921-2013). Die Kunst der DDR wurde seit den 1970er Jahren im westdeutschen Kulturbetrieb immer präsenter. Hertz war neben der Galerie Brusberg einer der ersten, die ostdeutsche Künstler ausstellte und in der BRD verkaufte. Das Geschäft schien gut zu laufen. Das verdeutlicht nicht nur die Wahl des Künstlers zu Hertz‘ Jubiläumsausstellung, sondern auch zeitgenössische Kritik in der westdeutschen Presse an den wirtschaftlichen Interessen des Staatlichen Kunsthandels der DDR. Neben Ausstellungen in staatlich finanzierten oder unterstützten Institutionen (documenta, Kunstvereine), spielte anscheinend auch der Kunstmarkt eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Wahrnehmung von DDR-Künstlern in der BRD.

Die Rezeption der Kunstwerke erfolgte jedoch fast ausschließlich auf formalästhetischer Ebene. Zumeist wurden die Werke der DDR-Künstler in Kontrast zu abstrakten Ausdrucksformen des westlichen Kulturbetriebes gestellt oder an ihnen der Begriff des „Sozialistischen Realismus“ abgehandelt. Dabei sind Analogien beispielsweise im Werk Sittes mit Arbeiten von Künstlern aus anderen gesellschaftspolitischen Systemen augenscheinlich. Denn obwohl die Abstraktion synonym für eine freie und demokratische Kunst in der BRD gebraucht wurde, verebbte das Bedürfnis nach einer Thematisierung des neuen Menschen(bildes) nicht. Die starke Betonung des menschlichen Körpers ist also nicht nur im Œuvre Sittes offenkundig, sondern findet beispielsweise Parallelen im Werk Lucian Freuds (1922-2011) oder in den Performances des Wiener Aktionismus. Die nackten Leiber treten hier nicht nur in klassisch 'bürgerlichen' Bildthemen, wie Mythologie und Akt, oder in Zusammenhang mit Darstellungen von Sexualität ins Bildfeld. Vielmehr begegnen sie vor allem in der Auseinandersetzung mit Krieg, Geschichte und Unterdrückung.

Neben der Untersuchung der Rolle des Kunstmarktes bei der Verbreitung von DDR-Kunst in der BRD, sollen in dem Projekt Korrelationen der westlichen und östlichen Kunstsysteme aufgezeigt werden. Andererseits gilt es zu untersuchen, welche bis heute wirkenden Mechanismen die kunstwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Werken Sittes in der BRD damals bestimmten und auf eine Stilanalyse beschränkten, so dass regions- und systemübergreifende Inhalte nicht erkannt wurden.

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