Abbild der Zeit
Die Moderne und ihre Kunst in der Fotosammlung des KHI
Obwohl in den Jahrzehnten nach 1945 vorwiegend die Diaprojektion in der Lehre genutzt wurde, ergänzte man die Bestände der Fotosammlung des Kunsthistorischen Instituts Bonn (KHI) bis in die 1980er Jahre um rund 27.000 Fotografien. Verschiedene Medien wie Gipsabgüsse, Diapositive und Fotografien dienten für der Veranschaulichung von Kunstwerken und wurden aufgrund ihrer jeweiligen Vorteile weiterhin eingesetzt. Die Fotoabzüge traten in der Lehre zwar weiter in den Hintergrund, fanden aber als Vorlagen für Reproduktionen weiterhin Verwendung.
Neben dem Medienwandel veränderten sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Inhalte des Lehrangebots: Während heute moderne und auch zeitgenössische Kunst selbstverständlich in der Kunstgeschichte thematisiert werden, war dies bis in die 1970er Jahre eine Seltenheit. In Bonn brachten die Professoren Heinrich Lützeler (1902–1988) und insbesondere Eduard Trier (1920–2009) die moderne Kunst in die Lehre ein.
Diese thematische Veränderung wurde durch die dichte und vor allem auf moderne Kunst ausgerichtete Museumslandschaft des Rheinlandes als lokale Gegebenheit beeinflusst. Aber auch Anderes wie die Studentenbewegung 1968 und die Ost-West-Spannungen, die sich auch auf die Kulturpolitik auswirkten, prägten die Wissenschaftsgeschichte nachhaltig. Die Auswirkungen finden sich – sozusagen als Abbilder – in den neueren Beständen der Fotosammlung.
Digitaler Rundgang durch die Ausstellung
Gleichzeitigkeit im Medienwandel? Lehrmedien nach 1945
Für kaum ein anderes Fach ist die Visualisierung von Forschungsobjekten so wichtig wie für die Kunstgeschichte: Die Institutionalisierung des Fachs im 19. Jahrhundert ist daher eng mit der Erfindung der Fotografie verknüpft. Während in den Anfangsjahren neben Druckgrafiken bald Fotoabzüge zur Veranschaulichung von Kunstwerken in der Lehre genutzt wurden, ermöglichte die Diaprojektion dies ab dem frühen 20. Jahrhundert in einem viel größeren Rahmen. Große Glasbilddias wurden in den 1950er Jahren von Kleinbilddias aus Kunststoff abgelöst.
Trotz der Vorteile von Dias wurde die Fotosammlung des KHI nach 1945 mit hohen Ausgaben um weitere 27.000 Fotografien erweitert. Diese wurden auf Pappe aufgezogen, was die Nutzung erleichterte und sie vor Schäden schütze. Verwendung fanden sie vor allem als Vorlage für Reproduktionen, denn während Fotografien bereits die bestmögliche Qualität liefern konnten, wurde die Diaprojektion noch kontinuierlich verbessert. Was damals als Gebrauchsobjekt galt und nach der Anschaffung einer neueren, besseren Version häufig entsorgt wurde, ist heute eine Quelle der Fachgeschichte mit historischem Wert.
Das Institut nach 1945
Die „Aufbauhelfer“: Neubesetzung des Lehrstuhls
1946 wurde das Ordinariat – zuvor vom überzeugten Nationalsozialisten Alfred Stange (1894-1968) besetzt – neu an Heinrich Lützeler (1902–1988) vergeben. Lützeler hatte in den 1920er Jahren in Bonn und Köln Kunstgeschichte und Philosophie studiert und war 1930, nach seiner Promotion bei Paul Clemen (1866-1947), Privatdozent für Philosophie. Er trat zwar 1933 dem NS-Lehrerbund bei, wurde jedoch nach einer Kritikäußerung gegenüber Alfred Rosenberg diffamiert. Trotz mehrerer Empfehlungsschreiben von Clemen wurde ihm 1940 die Lehrberechtigung (Venia Legendi) entzogen. Unmittelbar nach Kriegsende beantragte er seine Rehabilitierung und beteiligte sich am Wiederaufbau der Universität in der Bau- und Grundstückskommission, deren Vorsitzender er 1954 wurde. Lützeler prägte nicht nur die neue Raumsituation des KHI maßgeblich, sondern gründete auch das Seminar für orientalische Kunstgeschichte. Nach seiner Emeritierung übernahm Eduard Trier im Jahr 1972 den Lehrstuhl.
1947 wurde ein zweiter Lehrstuhl für Kunstgeschichte eingerichtet, auf den Herbert von Einem (1905–1983) berufen wurde. Von Einem hatte sich 1935 in Halle habilitiert. Obwohl ab 1939 zeitweise im Kriegsdienst, erhielt er Lehraufträge in Göttingen (1941–42) sowie Greifswald (1943–45). Obwohl er sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete, belegen die Briefwechsel mit seiner Frau und seinem Schwiegervater von seiner kritischen Haltung gegenüber der NSDAP und seiner Ablehnung des Antisemitismus. Nach seiner Entlassung 1945 wirkte er zunächst als Professor in Hamburg und Frankfurt, bis er dem Ruf nach Bonn auf den gleichberechtigten zweiten Lehrstuhl folgte. Während Lützeler sich vor allem lokal engagierte, half von Einem im Verband Deutscher Kunsthistoriker der internationalen Integrationsarbeit. Seine Nachfolge trat 1970 Günter Bandmann (1917–1975) an, der seit 1943 Assistent am KHI gewesen war.
Die Neubesetzung der beiden Lehrstühle in den 1970er Jahren führte zu einer klaren thematischen Profilbildung: die zeitgenössische Orientierung bei Trier und der Schwerpunkt Mittelalter bei Bandmann.
Kunstgeschichte im Zugzwang: Moderne und zeitgenössische Kunst als Themen der Lehre
„Mindestens 100 Jahre alt“ – ein Kriterium, was für die Kunstgeschichte bis in die 1950er Jahre bestand. Für die Forschung war die moderne und noch weniger die zeitgenössische Kunst kaum von Interesse, auch wenn sich viele Kunsthistoriker mit ihr befassten. Doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet die Kunstgeschichte unter Druck: Das Interesse, moderne Kunst wissenschaftlich zu betrachten, wurde vor allem bei der jüngeren Forschergeneration immer größer. Vor allem im Rheinland entwickelten sich nicht nur junge Künstlerinitiativen, sondern auch Kunstmessen und Kunsthandel fanden in Städten wie Köln und Düsseldorf Anlaufpunkte. Die Gründung der Kölner Kunstmesse 1967 spielte eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Kunst und Kunstmarkt in der Nachkriegszeit: Eine kommerzielle Vermarktung zeitgenössischer Kunst galt als revolutionär. Ihr Erfolg zog viele Gegenmessen (z. B. IKI in Düsseldorf) und Konkurrenzveranstaltungen (z. B. ART Basel) nach sich. Als neue Form des Kunstmarkts zentrierte die Kunstmesse so ein neues deutsches und internationales Sammlerpublikum im Rheinland und sorgte für stetigen Zuzug von Künstler:innen und Galerien. Bis heute zeichnet sich das Rheinland durch seine hohe Dichte an modernen Kunstmuseen aus. Dabei war insbesondere die Gründung des Museum Ludwig als eines der größten Kölner Museen mit Kunst des 20. Jahrhunderts bedeutend. Der Auszug aus dem Wallraf-Richartz-Museum, initiiert durch die Schenkung des Sammlerpaares Ludwig 1976, führte zum Bau des Museums der Kölner Architekten Peter Busmann und Godfrid Haberer, der 1986 als eines der größten modernen Museen im Rheinland in unmittelbarer Nähe zu Bonn eröffnet wurde.
Das Bonner KHI lag nicht nur nahe der rheinischen Museumslandschaft und dem neu gebildeten Kunstmarkt, sondern war in der neuen Hauptstadt auch von politischen Einflüssen umgeben. Für das Institut war vor allem die kulturpolitische Neuorientierung der BRD entscheidend, die als Abwendung von der NS-Vergangenheit den Anschluss an den Westen suchte. Einflussreiche Institutionen waren hierbei die Amerikanische Botschaft in Bad Godesberg und die documenta in Kassel, deren Hinführung hin zur modernen Kunst auch am KHI spürbar war.
Eduard Trier: Der Wegbereiter der zeitgenössischen Kunst
Eduard Trier (1920–2009) wurde 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen und wohnte in der unmittelbaren Nachkriegszeit bei seinem Bruder, dem informellen Maler Hann Trier (1915-1999). Er begann sein Studium der Kunstgeschichte in Köln. Durch seine Arbeit im Museum Schnütgen lernte er vor allem die mittelalterliche Kunst kennen. Zeitgleich vermittelten Hermann Schnitzler (1905–1976) sowie die verschiedenen Initiativen im Rheinland den Kontakt zur zeitgenössischen Kunst und prägten sein Interesse als junger Kunstjournalist. Nach Abschluss seiner Promotion verfolgte er daher zunächst keine wissenschaftliche (Hochschul-)Karriere, sondern widmete zeitgenössischen Künstlern Publikationen. Aufgrund seines konsequenten Eintretens für junge Künstler:innen bei großen Ausstellungen, wie der documenta und der Biennale in Venedig, wurde er 1964 zum Professor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf berufen, deren Direktor er von 1965 bis 1972 war. Als Nachfolger Lützelers folgte er 1972 dem Ruf an den Lehrstuhl für Kunstgeschichte in Bonn, den er bis 1985 als Direktor des Instituts innehatte.
Mit der Berufung Eduard Triers wurde das Lehrangebot des KHI deutlich ergänzt: Trier bot nahezu ausschließlich Veranstaltungen zu moderner und zeitgenössischer Kunst, Forschung und Ausstellungen an. Aufgrund seiner Erfahrungen als Kunstkritiker und Lehrer an der Kunstakademie war er eng in die Netzwerke der zeitgenössischen Kunstszene nach 1945 eingebunden. Er pflegte persönliche Kontakte und Freundschaften mit zahlreichen Künstler:innen, wie neben Atelier- und Künstlerbesuchen für Studierende auch die Künstlerwidmungen in der zu seinen Ehren erschienen „Festschrift zum sechzigsten Geburtstag“ zeigen. Generell lagen ihm die klassischen kunsthistorischen Methoden wie die Stilkritik eher fern. Er legte vielmehr Wert auf größtmöglichen Kontakt zum Original und auch zu Künstler:innen. Trier respektierte die traditionsreichen Sammlungen des Instituts und sorgte durch seine weitreichenden Kontakte für deren Erweiterung.
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