01. April 2026

Objekt des Monats April 2026 Objekt des Monats April 2026

Ausstellungskataloge ohne Abbildungen? Eine Fotopappe der Arti et Amicitiae in der Fotosammlung des KHI

Ausstellungskataloge ohne Abbildungen? Eine Fotopappe der Arti et Amicitiae in der Fotosammlung des KHI

Globusbecher von Pibo Gualteri (?)
Globusbecher von Pibo Gualteri (?) © KHI Bonn
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Urheber*in der Fotografie: unbekannt, Vertrieb und Anfertigung der Pappe durch die Société Arti et Amicitiae á Amsterdam

Entstehungszeit: Ende des 19. Jahrhunderts

Technische Angaben: S/W - Abzug auf Pappe montiert, 25,3 x 13,6 cm (Bildmaß), 31,1 x 17,1 cm (Blattmaß)

Provenienz: unbekannt

Inventarnummer: 425059

 

Kommentar:

Oft sind Fotoabzüge nicht als Vervielfältigung einer Vorlage oder Bestellung bei einer Agentur in die Sammlung gekommen, sondern beispielsweise durch die Wiederverwendung von Katalogseiten. Einen interessanten Fall bildet hierbei die Inventarnummer 425059: Auf den ersten Blick ist erkennbar, dass es sich um eine extern erworbene Pappe handelt, die aber mit weiteren Angaben versehen wurde. Die markante rote Umrahmung und die Ausgestaltung mit Informationen lassen das Objekt schnell identifizieren – aber auch dadurch, dass der Karton beschnitten wurde, fehlen zunächst Anhaltspunkte zur Herkunft.

Bei dem abgebildeten Objekt handelt es sich um einen Globusbecher – diese Form des Pokales bildete sich mit dem Anfang des 17 Jh. heraus und erfreute sich in Zeiten der Erkundungsreisen und Erforschung der Strukturierung der Welt großer Beliebtheit.[1] Gefertigt wurde er eventuell von Pibo Gualteri [2] – ein Landvermesser, Mathematiker und Instrumentemacher – und befindet sich seit der Schenkung 1607 im Stadthaus von Franeker. Ob er jedoch der Hersteller des Bechers, oder aber nur der Karte war ist ungeklärt – insbesondere, da Gualteri sonst nicht als Goldschmied tätig war [3]. Dass der Becher durchaus als Prunkstück friesischer Goldschmiedekunst gilt, lässt sich aber an seiner Ausstellung in den Jahren 1880, 1900 und 1927 erkennen [4]. Diese Zuordnung hilft auch bei der Bestimmung der Herkunft der Pappe.

Im Abgleich mit weiteren Pappen der Kategorie Goldschmiedekunst der Niederlande (Stempel NE) finden sich neun weitere der gleichen Serie – diese liefern den entscheidenden Hinweis: Sie entstammen wahrscheinlich der Beigabe zum Katalog einer Gold- und Silberschmiedeausstellung der Arti et Amicitiae Amsterdam 1880. Der Katalog selbst besitzt keine Abbildungen, diese konnten in Form der Pappen für etliche Objekte erworben werden.[5] Auf den weiteren Pappen sind neben der Zuordnung zu den Katalognummern auch gleichfalls handschriftliche Ergänzungen und Objektinformationen zu finden, aber bei anders beschnittenen Pappen (vgl. Inv. Nr 426171) findet sich die Überschrift „Société Arti et Amicitiae á Amsterdam“. Diese seit 1839 bestehende Künstlervereinigung kuratierte die Ausstellung 1880, war Ort für zeitgenössische Künstler und Kunstfreunde sowie Förderer der friesischen Kultur- und Kunstgeschichtsforschung.[6]

In welchem Kontext die Pappen in die Sammlung gelangten ist nicht mehr nachzuvollziehen. Der Umstand, dass sie für die in der Fotosammlung übliche Größe zugeschnitten und mit ergänzenden Informationen versehen wurden, lässt jedoch eine Nutzung vermuten. Gleichfalls ist aufgrund der Zuordnung der Katalognummern von 1880 zu der originalen und abweichenden Nummerierung der Abzüge das ehemalige Vorhandensein des Kataloges anzunehmen. Bei Inventarnummer 426001 sind die zugefügten Informationen nicht handschriftlich beigeschrieben, sondern ist eben die herausgetrennte Katalogseite selbst. Anhand dieser Pappen ist gut zu erkennen, wie verschiedene Materialien – die erworbenen Pappe, Zuordnungen und Ergänzungen und begleitende Literatur in der Fotosammlung zusammengeführt wurden, um die Abbildungen nutzen zu können. Insbesondere im Fall der „abweichenden“ Nummerierung der Katalognummern und wahrscheinlich Zählung innerhalb der Bildserie bieten die Ergänzungen wichtige Informationen. Auch der Stellenwert des bildlichen Mediums lässt sich erkennen: Während ein umfangreicher Ausstellungskatalog zu dieser Zeit mit Abbildungen zu teuer und umfangreich geraten wäre, waren bestellbare Serien oder Einzelaufnahmen eine Möglichkeit, relevante Abbildungen in hoher Qualität zu verbreiten.

Christen Gorny

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. Hernmarck 1978, S. 111f.; Interessant ist dieser Becher auch dadurch, das die Trennlinie der zwei Hälften nicht wie häufig an der Äquatorlinie liegt, sondern außermittig.

[2] Der Becher selbst ist nicht signiert, bzw. mit einer zu dieser Zeit üblichen Punze markiert, jedoch wird die Herkunft vom Schenkungskontext ausgehend Gualtheri zugeschrieben; vgl. Ottema 1948, S. 11. Ottema nimmt hier auch die Grundlage einer zeitgenössisch sehr bekannten Karte von Ortelius an. Ebenso bei Rooseboom 1950, S. 131f.

[3] Vgl. Ottema 1928, merkt hierzu an, dass Gualteri nicht in den Listen der Gold- und Silberschmiede zu finden ist – im damaligen Zunftwesen ist somit eine solche Arbeit für einen außenstehenden wenig denkbar – bemerkenswert bleibt aber das Fehlen einer Punze die ein Goldschmied verwendet hätte.

[4] Vgl. Ottema 1928; sowie Ottema 1948.

[5] Der Katalog führt alle 1742 Objekte der Ausstellung auf, besitzt aber nur eine Größe von 19,5x13 cm. Hier zeigt sich gut der Umgang mit fotografischem Material: Diese kostspieligen Elemente einer begleitenden Veröffentlichung konnten in hoher Qualität für Interessierte für die benötigten Objekte gesondert bestellt werden.

[6] Vgl. zur Geschichte der Arti et Amicitiae:  Arti et Amicitiae 1989, wobei die entsprechende Ausstellung 1880 nicht aufgeführt ist (siehe dazu S. 142).

 

Literatur:

Arti et Amicitiae 1880
Arti et Amicitiae (Hg.): Catalogus der Tentoonstelling van Kunstvoorwerpen in Vroegere Eeuwen uit Edele Metalen verwaardigd. Gehouden door de Maatschappij Arti et Amicitiae, o.O. 1880

Arti et Amicitiae 1989
Arti et Amicitiae (Hg.): Een Vereeniging van ernstige Kunstenaars. 150 Jaar Maatschappij Arti et Amicitiae, Amsterdam 1989

Dijkstra 2012
Dijkstra, Arjen Folkert Benjamin: Between Academics and Idiots. A cultural history of mathematics in the Dutch province of Friesland (1600–1700) (Zugl. Diss., Univ. Twente, 2012), Enschede 2012

Hernmarck 1978
Hernmarck, Carl: Die Kunst der europäischen Gold- und Silberschmiede von 1450 bis 1830, München 1978

Jensma/ Smit/ Westra 1985
Jensma, Goffe Theunis, Franck Smit &, Frans Westra: Universiteit te Franeker 1585–1811. Bijdragen tot de geschiedenis van de Friese hogeschool, Leeuwarden 1985

Ottema 1948
Ottema, Nanne: Geschiedenes van de Uuwerkmakerskunst in Friesland, Arnhem 1948

Ottema 1928
Ottema, Nanne: Geschiedenes van het Goud- en Zilversmidsbedrijf in Friesland, in: De Vrije Fries 28, 1928, S. 219–333

Rooseboom 1950
Rooseboom, Maria: Bijdrage tot de geschiedenis der instrumentmakerskunst in de noordelijke Nederlanden tot omstreeks 1840, Leiden 1950

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