Titel: Fotografie einer Ikone aus dem Kloster Vatopaidi (Berg Athos)
Urheber*in der Fotografie: unbekannt
Entstehungszeitpunkt: Anfang des 20. Jahrhunderts bis ca. 1930
Technische Angaben: s/w-Abzug, 21,8 x 16,9 cm (Bildmaß), 32,6 x 24,8 cm (Blattmaß)
Provenienz: wahrscheinlich im Nachlass Rosenbergs 1930 ins KHI gekommen
Inventarnummer: 421196bis
Kommentar:
In der Kunstgeschichte beschäftigen wir uns gewöhnlich mit dem Inhalt eines Bilderrahmens, nur selten mit dem Rahmen selbst. Ganz anders im Fall der vorliegenden Fotopappe aus der Fotosammlung des Instituts, auf deren Vorderseite die Fotografie einer byzantinischen Ikone montiert ist: Während das Bild von Maria und Kind nur schemenhaft zu erkennen ist, lassen sich die Details des prächtig verzierten Goldrahmens gut ausmachen.
Wie am unteren linken Rand der Fotopappe richtig vermerkt, stammt die Ikone aus dem Kloster Vatopaidi,[1] welches zu den berühmten Mönchsklöstern auf dem Berg Athos in Griechenland zählt. In der byzantinischen Kunst war es Brauch, die Heiligenikonen durch kunstvolle Schmuckrahmen aus Edelmetall und Edelstein zu schützen. Noch heute lebt diese Tradition in den orthodoxen Kirchen weiter.[2] Der Rahmen der abgebildeten Ikone besteht aus vergoldetem Silber, das zu Ornamenten und Reliefplatten mit Szenen aus dem Leben Jesu gearbeitet ist. Von besonderem Interesse sind die zwei Inschrifttafeln am unteren Ende des Rahmens, welche die Ikone als Stiftung der Nobelfrau Papadoulina und ihrer Schwester Ariadne ausweisen und das Objekt auf das 14. Jahrhundert datieren lassen. Im 18. Jahrhundert wurde die gerahmte Ikone der Madonna Hodegetria ausgetauscht, wodurch im Bereich des Heiligenscheins Mariens nun leere Aussparungen im Rahmen zurückblieben, die ursprünglich für Engelsfiguren vorgesehen waren.[3]
Wer interessierte sich für den Rahmen, und auf welchem Wege gelangte eine Fotografie der Ikone ins Bonner KHI? Es ist anzunehmen, dass die Fotografie mitsamt der beschriebenen Fotopappe auf den Kunsthistoriker und Experten für Goldschmiedearbeiten Marc Rosenberg (1851–1930) zurückgeht.[4] Als Indiz hierfür dient ein Abzug derselben Fotografie, der sich heute im Fotoarchiv Foto Marburg befindet: Bezüglich der Provenienz wird dort in den Werkangaben auf Rosenberg verwiesen.[5] Das Kunsthistorische Institut in Bonn erhielt im Jahr 1930 einen umfassenden Bestand an Fotografien und Büchern aus dem Nachlass des sammelfreudigen Kunsthistorikers.[6] Vermutlich gehörte unser Objekt diesem Nachlass an.
Unter dem Marburger Abzug findet sich zudem eine handschriftliche Datierung der Aufnahme auf die Zeit vor 1920.[7] Die Datierung scheint zuverlässig aufgrund der Lebensdaten Rosenbergs und wird nochmals durch eine 1914 publizierte Aufnahme der Ikone gestützt, die einen nahezu deckungsgleichen Zustand des Rahmens zeigt.[8]
Auf der Rückseite der Fotopappe hat Rosenberg Angaben zum fotografierten Objekt ergänzt: Neben der Größe des Objektes und einer detaillierten, in Tinte überarbeiteten Beschreibung des Rahmens die nahelegt, dass Rosenberg das Objekt vor Ort begutachten konnte, beschäftigt sich der Wissenschaftler insbesondere mit den Inschrifttafeln, welche er sowohl fotografisch abbildet als auch handschriftlich abschreibt. Wenngleich eine Übersetzung des Textes fehlt, bezeugen die rückwärtigen Vermerke das über die ästhetischen Qualitäten des Rahmens hinausreichende Interesse des Forschers für den dokumentarischen Charakter des Objekts.
Der Vermerk „Inschrift von Stanger nach dem Original aufgenommen“ rechts neben der Transkription der Inschrift deutet darüber hinaus auf eine Zusammenarbeit Rosenbergs mit dem Kunsthistoriker Franz Stanger hin.[9] Dass beide einander bekannt waren, legt die von Stanger herausgegebene Festschrift anlässlich des Todes Rosenbergs nahe.[10] Ob Stanger der Urheber der Fotografien ist oder ob Rosenberg beabsichtigte, die Fotografien in einer Publikation zu verwenden, lässt sich heutzutage nicht mehr abschließend ermitteln.
Anhand der Fotopappe können wir noch heute Einblicke in die Arbeitsweise und das Forschungsinteresse Rosenbergs erhalten. Seine Arbeit führt anschaulich vor Augen, dass auch vermeintlich nebensächliche Objekte wie Bilderrahmen wichtige Forschungsobjekte und Informationsträger darstellen, die großes Forschungsinteresse verdient haben.
Ein Abgleich mit heutigen Aufnahmen des Objektes offenbart außerdem den Verlust mehrerer Elemente des Ikonenrahmens im 20. Jahrhundert.[11] Die betrachtete Fotografie aus dem Fotoarchiv des KHIs wird dadurch zur unerlässlichen Quelle über das Kunstwerk, da sie den verlorenen Erhaltungszustand des Objektes dokumentiert.
Pauline Klementz
Anmerkungen:
[1] Vgl. Loverdou-Tsigarida 1997, S. 484–486.
[2] Vgl. Durand 2004, S. 243.
[3] Vgl. Loverdou-Tsigarida 1997, S. 486.
[4] Für eine ausführliche Biografie Rosenbergs vgl. Fritz 1996.
[5] Vgl. Bildarchiv Foto Marburg o.J.
[6] Vgl. Droste/Mayer 2025, S. 25.
[7] Vgl. Bildarchiv Foto Marburg o.J.
[8] Vgl. Kondakow 1914, S. 206.
[9] Angaben zu Lebensdaten und Biografie des Kunsthistorikers ließen sich leider nicht ausfindig machen. Franz Stanger tritt jedoch mehrfach als Autor in der Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration“ in Erscheinung, u.a. mit einem Aufsatz über die Arbeiten der Keramikerin Hertha Bucher (Vgl. Stanger 1922/23).
[10] Stanger 1930.
[11] Vgl. Loverdou-Tsigarida 1997, S. 484.
Literatur und Internetquellen:
Bildarchiv Foto Marburg o.J.
Bildarchiv Foto Marburg: Maria Hodegetria, Datenbank, Aufnahme-Nr. 130.040, URL: https://www.bildindex.de/document/obj20208017 [Abruf: 02.07.2025]
Durand 2004
Jannic Durand: Pecious-Metal Icon Reventments, in: Byzantium. Faith and Power (1261–1557), hg. von Helen C. Evans (Ausst.-Kat. New York, The Metropolitan Museum of Art, 3. März bis 4 Juli 2004), New Haven/London 2004, S. 243–251
Droste/Mayer 2025
Hilja Droste und Gernot Mayer: Im Spiegel der Fotografie. Die Fotosammlung des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn, in: Rundbrief Fotografie, Vol. 32 (2025), Nr. 1, S. 22–34
Fritz 1996
Johann Michael Fritz: Biografie Marc Rosenberg, in: Badische Biographien NF 4, hrsg. v. Bernd Ottnad, Stuttgart 1996, S. 240–242
Kondakow 1914
Nikodim Kondakow: Ikonografia Bogomateri, Sankt Petersburg 1914
Loverdou-Tsigarida 1998
Karia Loverdou-Tsigarida: Byzantine Small Art Works, in: Iōakeim Papangelos (Hrsg.): The Holy and Great Monastery of Vatopaidi. Tradition – History – Art, Volume 2, Mount Athos 1998, S. 457–499
Stanger 1922/23
Franz Stanger: Keramische Arbeiten von Hertha Bucher, in: Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten, 51 (1922–1923), S. 233
Stanger 1930
Franz Stanger (Hrsg.): Zur Erinnerung an Marc Rosenberg: Trauerfeier am 9. Sept. 1930 in Baden-Baden, Darmstadt 1930