Fotografie eines gotischen Trinkhorns aus der Sammlung Mayer Carl von Rothschild
Entstehungszeit der Aufnahme: vor 1883
Technische Angaben: S/W-Abzug auf Pappe montiert, 26 x 21,6 cm (Bildmaß), 28 x 22 cm (Blattmaß)
Provenienz: unbekannt
Kommentar:
Die Abbildung des diesmaligen „Objekts des Monats“ zeigt ein gotisches Trinkhorn aus Elfenbein mit kunstvoller Silberfassung. Die gedruckten Angaben unter dem Bild weisen darauf hin, dass die Fotografie im zweiten Teil einer Publikation als Abb. 7 veröffentlicht wurde. Zudem wird angegeben, dass die Aufnahme von Wehe-Wehl stammt und der Lichtdruck von Römmler & Jonas ausgeführt wurde. Erst der handschriftliche Vermerk „ehemals Slg. Rothschild“ ermöglicht die Identifizierung der zugrunde liegenden Publikation.[1] Es handelt sich um das zweibändige Werk Der Schatz des Freiherrn Karl von Rothschild. Meisterwerke alter Goldschmiedekunst aus dem 14.–18. Jahrhundert, das zwischen 1883 und 1885 erschien. Herausgeber war Ferdinand Luthmer (1842–1921), Architekt und Direktor der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums in Frankfurt am Main. Er erwähnt das „gotische“ Trinkhorn auch in zwei späteren Publikationen: Gold und Silber (1888) sowie im Sammlungsführer zur Ausstellung des sogenannten Goldschatzes (1890), die im Erdgeschoss des Frankfurter Palais der Rothschilds am Untermainkai stattfand.[2]
Wie und wann das Trinkhorn in die umfangreiche, rund 5.000 Goldschmiedearbeiten vom Mittelalter bis zum Barock umfassende Sammlung Mayer Carl von Rothschilds (1820–1886) gelangte, ist bislang unbekannt.[3] Anhand der Publikationen Luthmers lässt sich lediglich feststellen, dass sich das Objekt bereits im Jahr 1883 in seinem Besitz befand. Nach seinem Tod wurde das Trinkhorn 1886 im Verzeichnis seiner Sammlung aufgeführt.[4] Als Erbstück gelangte das Trinkhorn später an Victor Rothschild in London, der es 1937 im Rahmen einer öffentlichen Auktion veräußern ließ.[5] Über den Londoner Kunsthandel ging das Objekt zunächst in den Besitz von Lord Gort (Bunratty Castle, Irland) über, bevor es nach dessen Tod aus seinem Nachlass an den heutigen Eigentümer verkauft wurde.[6]
Anhand des Doppelwappens sowie des Silberstempels mit dem Buchstaben „N“ auf dem Trinkhorn nahm Ferdinand Luthmer an, das Objekt sei für den Würzburger Fürstbischof Lorenz von Bibra (reg. 1495–1519) in Nürnberg angefertigt worden. Als Vorbild führte er das Trinkhorn aus dem Lüneburger Ratssilber von 1446 an. Während Luthmer das Trinkhorn noch als authentisches Werk der Gotik einordnete, wurden schon bald Zweifel an seiner Echtheit geäußert. Otto von Falke bezeichnete das Horn 1924 zusammen mit weiteren Objekten aus der Sammlung Rothschild als Fälschung einer unbekannten Hand.[7] Bezeichnenderweise verzichtet der Auktionskatalog von 1937 auf eine Datierung und Lokalisierung des Objekts – Angaben, die bei den meisten anderen Stücken des Katalogs aufgeführt werden.[8]
Der Urheber dieser zunächst anonym gebliebenen Fälschung konnte erst in den 1980er-Jahren identifiziert werden. Den entscheidenden Anstoß lieferte Charles Truman, der 1979 ein Konvolut von Entwurfszeichnungen für Goldschmiedearbeiten im Victoria and Albert Museum dem Aachener Goldschmied Rainhold Vasters (1827–1909) erneut zuordnen konnte.[9] Zugleich gelang es ihm, mehrere dieser Zeichnungen mit Kunstwerken aus den Beständen des Museums in Verbindung zu bringen. Den Zusammenhang zwischen dem „gotischen“ Trinkhorn und zwei der Entwurfszeichnungen erkannten anschließend Richter (1983) und Hackenbroch (1984/85), die das Objekt Rainhold Vasters zuschrieben und als Fälschung des 19. Jahrhunderts identifizierten.[10]
Dass Rainhold Vasters neben seiner Tätigkeit als Goldschmied und Restaurator auch Fälschungen anfertigte, war offenbar bereits einem Teil seiner Zeitgenossen bekannt.[11] Er ließ sich 1853 mit einer Werkstatt in Aachen nieder und arbeitete unter anderem für den Aachener Dom. Möglicherweise entstand dort auch der Kontakt zu dem Kunsthändler Frédéric Spitzer (1815–1890), der neben seinem Pariser Geschäft spätestens seit 1855 eine Kunst- und Antiquitätenhandlung in Aachen betrieb.[12] Aufgrund seiner guten Verbindungen zur Pariser Kunstsammlerkreise könnte Spitzer als Vermittler zwischen Reinhold Vasters und Mayer Carl von Rothschild fungiert haben.[13] Dass Vasters dem Frankfurter Sammler seine Arbeiten unmittelbar selbst anbot, erscheint hingegen wenig wahrscheinlich.[14] Die von Weber und Krautwurst vorgeschlagene Datierung des Trinkhorns in die Zeit um 1870 bzw. um 1875 fällt in jene Jahre, in denen Frédéric Spitzer seine Stellung als führender Pariser Kunsthändler ausbaute.[15] Zugleich bestanden über Mayer Carls Tochter Adèle, die seit ihrer Heirat 1862 in Paris lebte, enge familiäre Beziehungen zum Pariser Zweig der Familie Rothschild.[16] Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus denkbar, dass das Trinkhorn über das Pariser Netzwerk der Rothschilds nach Frankfurt gelangte.[17] Krautwurst weist jedoch darauf hin, dass auch die international tätigen Gebrüder Löwenstein, die seit 1849 in Frankfurt ein Geschäft für Kunst, Juwelen und Antiquitäten betrieben,[18] als Vermittler von Objekten an Mayer Carl von Rothschild infrage kommen.[19]
Wie das Trinkhorn schließlich als vermeintlich mittelalterliches Original in die Sammlung Rothschild gelangte, lässt sich jedoch nicht mehr rekonstruieren. Offenbar war Vasters' Vorgehensweise, originale Goldschmiedearbeiten des 15. Jahrhunderts nicht nur nachzuahmen, sondern sie zugleich den Erwartungen seiner anspruchsvollen Sammler entsprechend zu überbieten, so überzeugend, dass selbst ein Kenner wie Ferdinand Luthmer das Trinkhorn nicht als Fälschung erkannte.[20] Ob Luthmer und Vasters persönlich miteinander bekannt waren, lässt sich zwar nicht nachweisen, erscheint jedoch durchaus denkbar. Beide waren Rheinländer (Luthmer stammte aus Köln) und trugen auf unterschiedliche Weise zur historistischen Wiederbelebung mittelalterlicher und Renaissanceformen bei.[21] Welche Rolle Luthmer bei der Tradierung der Fälschung als authentisches mittelalterliches Kunstwerk spielte, bleibt daher letztlich offen.
Eine weitere für unseren Zusammenhang interessante Person im Netzwerk um Mayer Carl von Rothschild ist Marc Rosenberg (1852–1930). Er setzte mit seinen Forschungen zur Goldschmiedekunst neue Maßstäbe und war Verfasser des Standardwerks Der Goldschmiede Merkzeichen (1922–1928). Darin führt er auch das Meisterzeichen Rainhold Vasters' auf und gibt als dessen Tätigkeitszeitraum die Jahre 1853 bis 1890 an.[22] Rosenberg gehörte zudem zu den wenigen Forschern, die bereits zu Lebzeiten Mayer Carl von Rothschilds Zugang zu dessen Sammlung erhielten.[23] Ein direkter Kontakt zwischen beiden ist somit nachweisbar. Ob Rosenberg das Trinkhorn als Fälschung erkannte oder Vasters' Tätigkeit als Fälscher bekannt war, lässt sich jedoch nicht feststellen.
Möglicherweise ist Rosenberg jedoch derjenige, dem wir die Überlieferung dieser Fotopappe verdanken. Es ist anzunehmen, dass er Luthmers Publikation über die Sammlung Rothschild besaß. Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung nahe, dass der hier behandelte Katalogausschnitt über Rosenbergs Nachlass in die Fotosammlung des Kunsthistorischen Instituts gelangte. Diese erhielt nach seinem Tod im Jahr 1930 einen umfangreichen Bestand an Fotografien sowie rund 1.250 Bücher aus seinem Nachlass.[24] Nicht klären lässt sich jedoch, wer den handschriftlichen Eintrag auf der Fotopappe vornahm und aus welchem Grund sie nicht in die Fotosammlung eingeordnet wurde. Stattdessen befand sie sich in einem Karton mit Fotografien und Publikationsausschnitten, deren gemeinsamer Nenner ihre thematische Verbindung zu Marc Rosenberg ist.
Hilja Droste
Anmerkungen:
[1] Mein herzlicher Dank gilt Elisabeth Gordeenko für den Hinweis auf die Publikation Ferdinand Luthmers, in der sich die Abbildung des Trinkhorns befindet.
[2] Weber 1994, S. 7. Der sog. Goldschatz umfasste etwa ein Fünftel der Goldschmiedesammlung Mayer Carl von Rothschilds. Nach dessen Tod im Jahr 1886 wurde dieser Teilbestand gegen Eintrittsgeld der Öffentlichkeit präsentiert.
[3] Zu Mayer Carl von Rothschild als Kunstsammler siehe: Weber 1994; Glanville 2004.
[4] Verzeichniss des Bestandes der Freiherrlich Carl von Rothschild’schen Sammlung 1886, S. 3, Nr. 1.
[5] Hackenbroch 1984/85, S. 261; Aukt.-Kat. Sotheby & Co 1937, Lot 125, Taf. VIII.
[6] Hackenbroch 1984/95. S. 261. Im Essayband zur Ausstellung Die Rothschilds – eine europäische Familie (Heuberger 1994, S. 379) wird Rainer Zietz Limited, London, als Eigentümer des Trinkhorns genannt.
[7] Falke 1924, S. 2f.
[8] Aukt.-Kat. Sotheby & Co 1937, S. 32. Bemerkenswert ist, dass sich im vorliegenden Auktionskatalog zum Trinkhorn der handschriftliche Vermerk „attributed to Rainhold Vasters“ findet. Der Zeitpunkt, zu dem diese Annotation vorgenommen wurde, ist jedoch unbekannt.
[9] Truman 1979, S. 154. Die Urheberschaft der Zeichnungen war dem Museum in den 1910er Jahren noch bekannt, geriet jedoch später in Vergessenheit.
[10] Richter 1983, S. 9f., 64; Hackenbroch 1984/85, S. 260–267.
[11] Krautwurst 2003, S. 34–38.
[12] Hackenbroch 1984/85, S. 169; Krautwurst 2003, S. 35.
[13] Krautwurst 2003, S. 35–38; 373.
[14] Hackenbroch 1984/85, S. 267; Krautwurst 2003, S. 42.
[15] Zu Spitzers Aktivitäten in Paris: Hackenbroch 1984/85, S. 171f.; zu seiner Biographie siehe: https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Spitzer_Frederic_1815_1890.xml [Abruf: 12.07.2026].
[16] Adèle von Rothschild (1843–1922), die älteste Tochter Mayer Carls, heiratete 1862 ihren Cousin Salomon James de Rothschild und zog nach Paris. Nach dessen Tod blieb sie dort und wurde selbst eine bedeutende Sammlerin. (Glanville 2004, S. 41f.). Zur Biographie siehe: https://family.rothschildarchive.org/people/71-adele-hannah-charlotte-von-rothschild-1843-1922 [Abruf: 12.07.2026].
[17] Ein Hausaltar aus der Werkstatt Rainhold Vasters', der sich im Besitz des Pariser Zweigs der Familie Rothschild befand, belegt, dass seine Arbeiten die Familie tatsächlich erreichten. (Trumann 1979, S. 158).
[18] Zur Familie Löwenstein siehe: https://www.juedischer-adel.de/loewenstein/ [Abruf: 12.07.2026].
[19] Krautwurst 2003, S. 42, 115f.
[20] Das Rothschild-Trinkhorn kann als historistische Neuinterpretation des Lüneburger Ratshorns von 1486 bezeichnet werden. Dessen Form war durch Publikationen und Zeichnungen des 19. Jh. weithin bekannt. So enthält Thomas H. Kings Orfèvrerie et ouvrages en métal du Moyen-Âge (1852), das sich nachweislich in der Bibliothek Rainhold Vasters' befand, detaillierte Strichzeichnungen des Lüneburger Trinkhorns (Bd. 2, Taf. 71). (Hackenbroch 1984/85, S. 261, 263). Es spricht daher vieles dafür, dass Vasters das Lüneburger Horn als unmittelbare Vorlage für seine Schöpfung nutzte. (Falke 1924, S. 2; Hackenbroch 1984/85, S. 261; Krautwurst 2003, S. 372).
[21] Vgl. Hackenbroch 1984/85, S. 266.
[22] Rosenberg 1922, S. 12, Nr. 42.
[23] Luthmer 1890, S. 4.
[24] Droste /Mayer 2025, S. 25.
Literatur:
Aukt.-Kat. Sotheby & Co 1937
Catalogue of the Celebrated Collection of German, Dutch & Other Continental Silver and Silver-Gilt of the 15th, 16th, and 18th Centuries. Sold by Order of Victor Rothschild, Esq., Aukt.-Kat. Sotheby & Co. (London, 26. April 1937)
Droste/Mayer 2025
Hilja Droste und Gernot Mayer, Instituts- und Fachgeschichte im Spiegel der Fotografie. Die Fotosammlung des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn, in: Rundbrief Fotografie 32, Nr. 1 (2025), S. 22–34
Falke 1924
Otto von Falke, Silberfälschungen, in: Belvedere 5 (1924), S. 1–6
Glanville 2004
Philippa Glanville, Mayer Carl von Rothschild: collector or patriot?, in: The Rothschild Archive Annual Review 2003–2004 (2004), S. 36–43.
Hackenbroch 1984/85
Yvonne Hackenbroch, Reinhold Vasters, Goldsmith, in: Metropolitan Museum Journal 19/20 (1984/85), S. 163–268
Heuberger 1994
Georg Heuberger (Hrsg.), Die Rothschilds. Beiträge zur Geschichte einer europäischen Familie (Esseyband zur Ausstellung „Die Rothschilds – eine europäische Familie“, Frankfurt a. M., Jüdisches Museum), Sigmaringen 1994
Krautwurst 2003
Miriam Krautwurst, Reinhold Vasters – ein niederrheinischer Goldschmied des 19. Jahrhunderts in der Tradition alter Meister. Sein Zeichnungskonvolut im Victoria & Albert Museum, London, Dissertation Universität Trier 2003
Luthmer 1883–1885
Ferdinand Luthmer (Hrsg.), Der Schatz des Freiherrn Karl von Rothschild. Meisterwerke alter Goldschmiedekunst aus dem 14.–18. Jahrhundert., 2 Bde., Frankfurt a. M. 1883–1885
Luthmer 1888
Ferdinand Luthmer, Gold und Silber. Handbuch der Edelschmiedekunst, Leipzig 1888
Luthmer 1890
Ferdinand Luthmer (Hrsg.), Führer durch die Freiherrlich Karl von Rothschild’sche Kunstsammlung, Frankfurt a. M. 1890
Richter 1983
Ernst-Ludwig Richter, Altes Silber. Imitiert – Kopiert – Gefälscht, München 1983
Rosenberg 1922
Marc Rosenberg, Der Goldschmiede Merkzeichen, Bd. 1: Deutschland A – C, 3. erw. Aufl., Frankfurt a. M. 1922
Trumann 1979
Charles Truman, Reinhold Casters – ‘The last of the goldsmiths’?, in: Connoisseur 200, Nr. 805 (1979), S. 154–161
Verzeichnis des Bestandes der Freiherrlich Carl von Rothschild’schen Sammlung 1886
Verzeichniss des Bestandes der Freiherrlich Carl von Rothschild’schen Sammlung auf der Günthersburg welche im December 1886 zur Vertheilung gelangt ist, Frankfurt a. M. 1886
Weber 1994
Annette Weber, Ouvertüre: Ein prächtiges Ambiente, in: Georg Heuberger (Hrsg.), Die Rothschilds. Eine europäische Familie (Begleitbuch zur Ausstellung „Die Rothschilds – eine europäische Familie“, Frankfurt a. M., Jüdisches Museum), Sigmaringen 1994, S. 3–10