Titel: „Siebdruck 71/6B“ (1971) von Otto Herbert Hajek
Urheber:in der Fotografie: unbekannt
Entstehungszeit der Aufnahme: 1970er Jahre
Technische Angaben: Siebdruck auf Karton, 35,6 x 26,9 cm (Bildmaß), 49,5 x 31,8 cm (Blattmaß)
Provenienz: unbekannt
Inventarnummer: 237084
Kommentar:
Zwar gehörte Otto Herbert Hajek in den 1950er Jahren zu den führenden informellen Bildhauern mit Beteiligung an Ausstellungen der Gruppe junger westen und der Galerie 22 sowie internationalen Ausstellungen der Biennale 1958 und der documenta II. und III., jedoch begann in den 1960er Jahren seine Neuorientierung zu einer sehr klaren, geordneten und geometrischen Kunst.[1] Obwohl Hajek vor allem für sein plastisches Werk bekannt ist, zeichnet sich sein Oeuvre durch einen hohen Anteil an Grafiken aus, worüber bisher wenig publiziert ist. Grafiken hatten für Hajek sowohl den Zweck, neue Kompositionen zu finden als auch den Übertrag dreidimensionaler Werke in die Fläche zu ermöglichen. 1968 begann seine Werkphase der Siebdrucke: Aufgrund der Eigenschaften klarer Farbflächen war das Medium ideal für seine Formsprache, die sich durch Raster und kontrastierende Farbwirkungen auszeichnet. Allein mittels der Anordnung von Farbe und Form entsteht bei diesen Werken ein spannungsvolles Wechselverhältnis mit räumlicher Illusion.[2]
Der Blick ins grafische Werkverzeichnis zeigt, dass von der in der Fotosammlung abgebildeten Serigrafie 71/6B abweichende Versionen geschaffen wurden. Besonders bekannt ist die Variante Hommage à Willy Brandt (auch genannt Serigrafie 71/6C), die in gleicher Formgebung die Farben Schwarz, Rot, Gold, Blau und Orange verwendet. Im Vergleich zum Karton der Sammlung fällt auf, dass die Serigrafie 71/6B im Werkverzeichnis um 180 Grad gedreht abgebildet ist und auch die Größenangaben von 70 x 80 cm von den Angaben auf dem Karton der Sammlung abweichen.[3] Bemerkenswert ist, dass es sich bei der Reproduktion selbst um einen Druck anstatt eines Fotoabzugs handelt. Eine der 40 Originalgrafiken, die der Künstler selbst herstellte, ist es jedoch nicht, da die Größe abweicht und das Trägerpapier eine glänzende Oberfläche hat, die eher für Massenmedien üblich ist. Hierbei ist die Größe verwunderlich, die über das übliche DIN A4-Format hinausgeht. Die ungenau beschnittenen Ränder lassen vermuten, dass die Abbildung aus einem größeren Blatt ausgeschnitten wurde – möglicherweise aus einem Plakat oder Kalenderblatt. Verbindungen zwischen dem Künstler und Bonn zeigen sich in seinem Einsatz für die Gründung der Bundeskunsthalle: Als Vorsitzender des Deutschen Künstlerbunds organisierte Hajek 1987 das Kolloquium Brauchen wir eine Bundeskunsthalle?, bei dem das kulturelle Bedürfnis nach einer nationalen Ausstellungshalle in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn besprochen wurde.[4] Im Jahr 2000 fand dort die Ausstellung Otto Herbert Hajek. Eine Welt der Zeichen statt, in dessen Rahmen möglicherweise Reproduktionen im Museumsshop verkauft wurden. Dagegen spricht jedoch, dass die Siebdrucke nicht im Ausstellungskatalog erwähnt werden.[5]
Am Bonner KHI zeigte Eduard Trier, der Direktor des Instituts von 1972 bis 1985, Interesse an der Kunst Otto Herbert Hajeks. Trier begleitete nicht nur die ersten Ausstellungen des Künstlers in den 1950er Jahren, sondern unterstützte ihn auch nach seinem stilistischen Wechsel. So ermöglichte Triers Förderung beispielsweise die Ausstellung der geometrischen Plastik Frankfurter Frühling auf der documenta III.[6] Möglicherweise fand die Abbildung aus der Fotosammlung Verwendung im Proseminar Graphische Techniken, das Trier im Sommersemester 1975 leitete. Das Seminar, gegliedert nach verschiedenen druckgrafischen Techniken, befasste sich in der neunten Sitzung mit Serigraphie und neue Verfahren, wofür Hajeks aktuelle Grafik ein geeignetes Beispiel gewesen wäre.[7] Ihr großes Format hätte sich dazu angeboten, es im Seminar als Blatt zu zeigen, anstatt es als Dia zu projizieren. So hätte die technische Eigenheit des Rasterkorns anhand des Drucks aus der Sammlung aufgezeigt werden können. Außergewöhnliche Sammlungsobjekte wie dieses waren somit trotz der vorwiegenden Verwendung der Diaprojektion weiterhin relevant für die Lehre.
Jasmin Roth
Anmerkungen:
[1] Trier 1993, S. 218; Borowski / Dahms 2022–2023, S. 40.
[2] Wirth 2005, S. 10–16; Schoch 1987, S. 19.
[3] Wirth 2005, S. 17; Otto Herbert Hajek Kunststiftung der Sparda-Bank Baden-Württemberg 2005, S. 98f.
[4] Jacob 2000, S. 7; Hajek 1993, S. 176–178.
[5] Ausst.-Kat. Bonn 2000.
[6] Trier 1993, S. 216–220. In seiner Publikation Bildhauertheorien des 20. Jahrhunderts zitierte er Aussagen Hajeks zu seinem Werkprozess, seiner Farbverwendung sowie dessen Überlegungen zum Verhältnis zwischen Plastik und Architektur. Trier 1992, S. 50, 140, 289.
[7] Archiv des Kunsthistorischen Instituts Bonn, Karton 8, Mappe 3, Vorläufiges Programm zum Proseminar Graphische Techniken im Sommersemester 1975.
Literatur:
Ausst.-Kat. Bonn 2000
O. H. Hajek. Eine Welt der Zeichen, hg. von Eugen Gomringer (Ausst.-Kat. Bonn, Kunst- & Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, 28.04.–27.08.2000), Köln 2000
Borowski / Dahms 2022–2023
Rebecca Borowski / Saskia Dahms: Otto Herbert Hajek, in: Eine Frage der Form. Abstrakte und angewandte Kunst aus den städtischen Sammlungen, hg. von Saskia Dahms (Ausst.-Kat. Kornwestheim, Museum im Kleinhues-Bau, 19.11.2022–18.06.2023), Altenriet 2022, S. 40
Gomringer 1993
Eugen Gomringer (Hrsg.): Kunst stiftet Gemeinschaft. O. H. Hajek, das Werk und seine Wirkung, Stuttgart 1993
Hajek 1993
Otto Herbert Hajek: Brauchen wir eine Bundeskunsthalle?, in: Gomringer 1993, S. 175–178
Jacob 2000
Wenzel Jacob: Vorwort, in: Ausst.-Kat. Bonn 2000, S. 7
Otto Herbert Hajek Kunststiftung der Sparda-Bank Baden-Württemberg 2005
Otto Herbert Hajek Kunststiftung der Sparda-Bank Baden-Württemberg (Hrsg.): Otto Herbert Hajek. Das druckgrafische Werk, Bd. 1 1949–1975, Stuttgart 2005
Schoch 1987
Rainer Schoch: Fläche und Raum. Zur Rolle der Zeichnung bei O. H. Hajek, in: Archiv für Bildende Kunst im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Hrsg.): O. H. Hajek. Werke und Dokumente, Stuttgart / Zürich 1987, S. 19–25
Trier 1992
Eduard Trier: Bildhauertheorien im 20. Jahrhundert, Berlin 1992
Trier 1993
Eduard Trier: Versuch einer Wegbeschreibung, in: Gomringer 1993, S. 216–220
Wirth 2005
Günther Wirth: Die Entwicklung der Druckgrafik 1949–1975 von Otto Herbert Hajek, in: Otto Herbert Hajek Kunststiftung der Sparda-Bank Baden-Württemberg 2005, S. 9–18