Fotografie des Gemäldes „Unbefleckte Empfängnis“ von Jusepe de Ribera
Material: Fotografie, Pappe
Urheber*in der Fotografie: unbekannt
Entstehungszeit der Aufnahme: unbekannt
Technische Angaben: s/w-Abzug, 12,2 x 15 cm (Bildmaß), 24 x 32,4 cm (Blattmaß)
Provenienz: unbekannt
Inventarnummer: 419259
Kommentar:
Die Fotosammlung des KHIs Bonn beinhaltet Objekte, deren Herkunft nicht eindeutig klar sind. Eines davon ist die vorliegende Fotopappe, auf welcher sich die Fotografie eines Gemäldes, handschriftliche Notizen und ein von Schreibmaschine geschriebener Text befindet. Der Fotografie ist weder der Namen eines Fotografen oder einer Fotografin, noch ein Stempel eines Fotoateliers oder einer Bildagentur zugefügt. Es handelt sich um ein Abbild des Gemäldes ohne Hinweis auf den Ort der Aufnahme. Es ist anzunehmen, dass diese Fotografie primär zu Arbeitszwecken – etwa zur Dokumentation oder für die Lehre – angefertigt wurde und eine Veröffentlichung nicht vorgesehen war.
Die handschriftlichen Notizen geben den Titel Unbefleckte Empfängnis und das Entstehungsjahr 1649 sowie den Künstler Jusepe de Ribera (1591–1652) an. Der aus Spanien stammende Jusepe de Ribera war vor allem in Italien tätig. Seine Werke zeigen überwiegend religiöse Motive, die er in einem naturalistischen Stil ausführte.[1] Das Gemälde scheint nicht vollendet zu sein, denn der kleine Engel, welcher hinter der Schulter von Maria hervorschaut, wirkt skizzenhaft. Obwohl das Werk und dessen heutiger Verbleib unbekannt bleiben, sind einige stilistisch ähnliche Arbeiten des Künstlers nachzuweisen. Seine weiblichen Figuren zeigen auffallend oft sehr ähnliche Gesichtszüge, was sich darauf zurückführen lässt, dass er seine Nichte für sich Modell sitzen ließ.[2] Auch im vorliegenden Fall spricht dies eindeutig für seine Urheberschaft.
Der Text unterhalb der Fotografie verweist auf den Kunsthistoriker August Liebmann Mayer (1885–1944), welcher in München und Berlin tätig war, sowie auf den Verleger und Antiquar Karl Willhelm Hiersemann (1854–1928) aus Leipzig. Der obere Teil des Textes bezieht sich konkret auf das abgebildete Gemälde, ist jedoch nicht in einer Publikation aufzufinden. Der untere Teil des Textes ist ein Auszug aus der Monografie über Jusepe de Ribera, die Liebmann Mayer 1908 in Hiersemanns Verlag veröffentlichte und leitet ein Kapitel über den Reifen Stil im Oevre des Malers ein.[3] Auffällig ist jedoch, dass die auf der Pappe vermerkte Seitenzahl 147 nicht mit der Seite übereinstimmt, auf welcher sich der Auszug im Buch tatsächlich befindet. Die Rückseite der Fotopappe ist leer und ein Stempel oder eine Inventarnummer, die einen Hinweis auf den Zeitpunkt der Aufnahme des Objekts in die Fotosammlung geben könnten, fehlen.
Auf der Suche nach einer Verbindung nach Bonn tauchte im Archiv der Universität Bonn ein Briefwechsel zwischen dem Leiter des KHIs Carl Justi (1832–1912) und August Liebmann Mayer von 1906 bis 1909 auf, welcher auf eine freundschaftliche Beziehung hinweist.[4] Da beide sich mit spanischer Malerei beschäftigten, tauschten sie gegenseitig Notizen und Fotografien aus, um ihre Lehre und ihre Publikationen zu bereichern. Nach einem angedeuteten Streit verebbte der Kontakt jedoch nach 1909. Der vorliegende Text ist mit der Jahreszahl 1923 versehen - also lange nach Beendigung des Briefkontaktes. Zu diesem Zeitpunkt war Carl Justi bereits verstorben. Möglicherweise nahm ein anderer Kunsthistoriker den Kontakt zu Liebmann Mayer wieder auf, worüber im Archiv der Universität jedoch keine Belege existieren. Im Wintersemester 1923/24 wurde von Justis Nachfolger Paul Clemen (1866–1947) ein Seminar zur Entwicklung der Kunst in Italien, Frankreich und den Niederlanden vom 16. bis zum 18. Jahrhundert veranstaltet.[5] Die Fotopappe könnte dort zur Demonstration der italienischen Kunst genutzt worden sein, da De Ribera hauptsächlich in Italien lebte und wirkte und die Jahreszahl 1923 auf der Pappe mit dem Zeitraum, in welchem der Kurs stattfand, übereinstimmt.
Nach 1930 wurde die Fotosammlung zudem um 7.000 Fotografien aus dem Besitz des auf italienische Kunst spezialisierten Kunsthistorikers Paul Schubring (1869–1935) erweitert.[6] Da Ribera vornehmlich in Italien wirkte, könnte das vorliegende Werk aus Schubrings Sammlung stammen. Möglicherweise wurde die Fotografie später durch den beigelegten Text von August Liebmann Mayer ergänzt.
Letztendlich bleiben einige Fragen offen, doch erscheint es durchaus möglich, dass dieses Objekt im Wintersemester 1923 in der Lehre am KHI genutzt wurde. Damit bietet es heute einen Einblick in kunsthistorische Forschung und Lehre aus vergangenen Zeiten.
Julia Proksch
Anmerkungen:
[1] Vgl. Scholz-Hänsel 2000, 6 f.
[2] Vgl. ebd., 87.
[3] Vgl. Liebmann Mayer 1908, 140.
[4] Vgl. Liebmann Mayer 1906, 1 f.
[5] Vgl. Chronik der Rheinischen-Friedrich-Willhelms Universität zu Bonn, 1924, 70.
[6] Vgl. Droste/Mayer 2025, 25.
Literatur:
Chronik der Rheinischen Friedrich-Willhelms-Universität zu Bonn 1924
Chronik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn: Vorlesungsverzeichnis, Vol. 32 (1924)
Droste/Mayer 2025
Hilja Droste & Gernot Mayer: Instituts- und Fachgeschichte im Spiegel der Fotografie. Die Fotosammlung des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn, in: Rundbrief Fotografie, Vol. 32 (2025), Nr. 1, 22–34
Liebmann Mayer 1906
Liebmann Mayer, August: Brief an Geheimrat [Carl Justi], Darmstadt 1906
Liebmann Mayer 1908
Liebmann Mayer, August: Jusepe de Ribera (Lo Spagnoletto). (Kunsthistorische Monographien 5), Leipzig 1908
Scholz-Hänsel 2000
Scholz-Hänsel, Michael: Jusepe de Ribera 1591-1652, Köln 2000