03. September 2026

Objekt des Monats September 2026 Objekt des Monats September 2026

Die Entführung Europas: Eine verschollene Silbergruppe

Die Entführung Europas: Eine verschollene Silbergruppe

Die Fotografie einer Europagruppe des Meisters C. E.
Die Fotografie einer Europagruppe des Meisters C. E. © KHI Bonn
Alle Bilder in Originalgröße herunterladen Der Abdruck im Zusammenhang mit der Nachricht ist kostenlos, dabei ist der angegebene Bildautor zu nennen.
Bitte füllen Sie dieses Feld mit dem im Platzhalter angegebenen Beispielformat aus.
Die Telefonnummer wird gemäß der DSGVO verarbeitet.

Titel der Fotografie: Die Fotografie einer Europagruppe des Meisters C. E.

Entstehungszeit der Aufnahme: vor 1926

Technische Angaben: S/W-Druck auf Pappe montiert, 22 x 16,2 cm (Bildmaß), 32 x 24,6 cm (Blattmaß)

Provenienz: unbekannt

Kommentar:

Diesmal steht keine auf eine Fotopappe montierte Fotografie im Mittelpunkt, sondern ein Ausschnitt aus einer Zeitschrift mit der Schwarz-Weiß-Abbildung einer silbernen Europagruppe des Meisters C. E. Der griechischen Mythologie zufolge verliebte sich der Göttervater Zeus in Europa, die schöne Tochter des phönizischen Königs Agenor. In Gestalt eines weißen Stieres entführte er sie über das Meer auf die Insel Kreta. In der Kunst wird besonders häufig der Moment der Entführung dargestellt: Europa sitzt auf dem Rücken des Stieres und blickt zum Ufer ihrer Heimat zurück. Bei der hier abgebildeten Silbergruppe tritt ihr Widerstand gegen die Entführung besonders deutlich hervor. Der zum Schrei geöffnete Mund, die Drehung des Oberkörpers und die weit ausgebreiteten Arme bringen ihr Erschrecken und ihre Gegenwehr zum Ausdruck. Auch der Stier ist ausgesprochen dynamisch wiedergegeben: Auf den Hinterbeinen aufgerichtet, scheint er im nächsten Augenblick in die Meereswellen zu springen.

Der Text unterhalb der Abbildung nennt als Schöpfer der Europagruppe den Meister C. E. und als Besitzer des Kunstwerks J. Rosenbaum. Am unteren rechten Rand des Ausschnitts ist außerdem die Zahl 3 erhalten geblieben. Mithilfe dieser Angaben lässt sich die Herkunft der Abbildung bestimmen: Sie stammt aus einem Beitrag Otto von Falkes (1862–1942) über den Augsburger Goldschmied Johannes Lencker (1573–1637), der 1928 in der Zeitschrift Pantheon erschien.[1] Falke behandelt die Europagruppe im Zusammenhang mit der Vorbildwirkung der Werke Lenckers auf die Augsburger Goldschmiedekunst. Auch der namentlich nicht bekannte Goldschmied mit dem Meisterzeichen C. E. habe sich an Lenckers Europakanne[2] orientiert. Während die Gestaltung des Stieres eng an diesem Vorbild bleibe, folge die Figur der Europa den Frauenraubgruppen Giambolognas (1529–1608), etwa der Bronzegruppe Die Entführung der Deianira.[3]

In seinem Beitrag ging Otto von Falke noch von einem anonymen Meister aus. Heute wird das aus den ligierten Buchstaben C und E sowie einem nach oben gerichteten Pfeil bestehende Meisterzeichen dem Augsburger Goldschmied Christoph Erhardt (gest. 1604) zugewiesen.[4] Dieser verwendete für seine Werke noch ein weiteres, zweifelsfrei belegtes Meisterzeichen: sein Wappen, das auch auf seiner Totentafel abgebildet ist. Marc Rosenberg (1852–1930), der Verfasser des Standardwerks zu den Goldschmiedemarken, schrieb die beiden Zeichen hingegen noch zwei verschiedenen Goldschmieden zu.[5] Mit dem Monogramm kennzeichnete Christoph Erhardt offenbar vor allem seine Trinkgefäße, bei denen er sich auf Tierformen spezialisiert hatte.[6] In den von Rosenberg und Seling zusammengestellten Werklisten zu den beiden Meisterzeichen wird die hier abgebildete Gruppe nicht erwähnt.[7] Den bislang einzigen Hinweis auf die Existenz dieses Kunstwerks scheint Falkes Beitrag zu liefern, der neben dem Material auch die Höhe von 47 cm sowie das Meisterzeichen „C E“ nach Rosenberg, Nr. 366, nennt.[8]

Nach Falke befand sich die Europagruppe 1926 im Besitz der Kunst- und Antiquitätenhandlung J. Rosenbaum am Roßmarkt 14 in Frankfurt am Main.[9] Das um 1860/70 von Jakob Rosenbaum gegründete Unternehmen wurde auch nach der Übernahme durch seinen Sohn Isaak unter dem Namen des Gründers weitergeführt.[10] Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme emigrierte Isaak Rosenbaum nach Amsterdam.[11] Vermutlich gehörte die Europagruppe nicht zur privaten Kunstsammlung der Familie, sondern zum Warenbestand des Antiquitätengeschäfts. Wann und an wen sie verkauft wurde, ließ sich bislang nicht ermitteln, sodass auch ihr heutiger Verbleib daher unbekannt ist.

Wer die Abbildung aus Falkes Beitrag aufbewahrte und auf welchem Weg sie in die Fotosammlung des KHI gelangte, liegt ebenfalls im Dunkeln. Denkbar ist, dass sie – wie einige der in den vorangegangenen Beiträgen dieser Reihe vorgestellten Fotografien – zu dem Konvolut aus Fotografien und Büchern gehörte, das als Nachlass Marc Rosenbergs an das Institut gelangte.[12] Der auf Pappe montierte Ausschnitt befand sich in einem Karton mit Fotografien und Publikationsausschnitten, die durch ihre thematische Verbindung zu Marc Rosenberg zusammengehören. Rosenberg hätte jedenfalls guten Grund gehabt, die Abbildung aufzubewahren, da Falke mit der Europagruppe das bekannte Œuvre des Meisters C. E. um ein weiteres Werk ergänzte.

Hilja Droste

 

Anmerkungen:

[1] Otto von Falke, Der Augsburger Goldschmied Johannes Lencker, in: Pantheon 1, 1928, S. 12–22.

[2] Die Europakanne zeigt den auf den Hinterbeinen stehenden Stier mit der auf seinem Rücken sitzenden Europa. Die Figurengruppe ist zugleich als Kanne gestaltet. Heute wird das in Privatbesitz befindliche Werk als Kopie des 18. Jahrhunderts nach einem um 1620 entstandenen Original angesehen. Zu der Europakanne siehe: Falke 1928, S. 21; Seling 1980, Bd. II, Abb. 85; ebd. Bd. III, S. 128, Nr. 1157g.

[3] Falke 1928, S. 21.

[4] Seling 1980, Bd. 3, Nr. 763; ebd. 2007, Nr. 763; Schommers 1994, S. XV. Zu Christoph Erhardt siehe auch: Werner 1913, Nr. 455; Däubler-Hauschke 2002.

[5] Rosenberg 1922, Bd. 1, Nr. 365, 366.

[6] Schommers 1994, S. XV. Diese Marke findet sich unter anderem auf einem Trinkgefäß in Form eines steigenden Pferdes (Museumslandschaft Hessen Kassel, Sammlung Angewandte Kunst, Inv.-Nr. B II.31) sowie auf einem Sturzbecher in Form eines Raubvogelkopfes (St. Petersburg, Staatliche Eremitage, Inv.-Nr. E 176).

[7] Rosenberg 1922, Bd. 1, Nr. 365, 366; Seling 1980, Bd. 3, Nr. 763; ebd. 2007, Nr. 763.

[8] Falke 1928, S. 21.

[9] Ebd.; Maecenas 1930, S. 55.

[10] Zur Familiengeschichte Rosenbaums siehe: https://research.frick.org/directory/detail/3505 [Abruf: 27.08.2026]; https://www.stiebel.com/history [Abruf: 27.08.2026].

[11] Im Rosenberg & Stiebel Archive der Frick Collection befinden sich Unterlagen zur Auflösung der J. Rosenbaum GmbH aus den Jahren 1932 bis 1938, darunter Verkaufsübersichten, Vereinbarungen und Inventare sowie Dokumente zur Übertragung ihrer Vermögenswerte auf die in Amsterdam ansässige I. Rosenbaum N.V. Siehe: https://archives.frick.org/repositories/3/archival_objects/25819 [Abruf: 27.08.2026].

[12] Das Kunsthistorische Institut erhielt nach dem Tod Marc Rosenbergs im Jahr 1930 einen umfangreichen Bestand an Fotografien sowie rund 1.250 Bücher aus seinem Nachlass. (Droste/Mayer 2025, S. 25).

 

Literatur:

Ausst.-Kat. München 1994
Silber und Gold. Augsburger Goldschmiedekunst für die Höfe Europas, hg. von Reinhold Baumstark und Helmut Seling (Ausst.-Kat. München, Bayerisches Nationalmuseum), München 1994

Däubler-Hauschke 2002
Claudia Däubler-Hauschke, Erhardt, Christoph, in: Allgemeines Künstlerlexikon, Bd. 34, München/Leipzig 2002, S. 327

Droste/Mayer 2025
Hilja Droste und Gernot Mayer, Instituts- und Fachgeschichte im Spiegel der Fotografie. Die Fotosammlung des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn, in: Rundbrief Fotografie 32, Nr. 1 (2025), S. 22–34

Falke 1928
Otto von Falke, Der Augsburger Goldschmied Johannes Lencker, in: Pantheon 1, 1928, S. 12–22.

Rosenberg 1922
Marc Rosenberg, Der Goldschmiede Merkzeichen, Bd. 1: Deutschland A – C, 3. erw. Aufl., Frankfurt a. M. 1922

Seling 1980
Helmut Seling, Die Kunst der Augsburger Goldschmiede 1529-1868, 3 Bde., München 1980

Seling 2007
Helmut Seling, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529-1868. Meister, Marken, Werke, München 2007

Schommers 1994
Annette Schommers, Christoph Erhart, in: Ausst.-Kat. München 1994, S. XV

Werner 1913
Anton Werner, Augsburger Goldschmiede. Verzeichnis der Augsburger Goldschmiede, Silberarbeiter, Juweliere und Steinschneider von 1346-1803, Augsburg 1913

Wird geladen