Fotografie des sogenannten „Fürstenbergischen Lehensbecher“
Urheber*in der Fotografie: Unbekannt
Entstehungszeit der Aufnahme: 1881 (?)
Technische Angaben: s/w-Abzug auf Karton, 25,2 x 19 cm (Bildmaße), 31,7 x 23,8 cm (Blattmaße)
Provenienz: Vermutlich 1930 gelangte die Fotografie mit dem Nachlass von Marc Rosenberg an das Kunsthistorische Institut in Bonn
Kommentar:
Wer sich heutzutage den Fürstenbergischen Lehensbecher betrachtet, blickt nicht nur auf ein kunstvoll gefertigtes Trinkgefäß, sondern auch auf ein Symbol von Macht, Treuebindung und lehnsherrlichen Ritualen. Dieser eindrucksvolle Deckelbecher, der Fürstlichen Familie Fürstenberg der Standesherrschaft Donaueschingen, hatte neben der Verwendung als Trinkbecher noch eine ganz andere Bedeutung. Der Becher wurde anlässlich der Verleihung eines Lehens benutzt, um den Lehns-Akt symbolisch zu vervollständigen.[1] Damit reiht der Becher sich in eine zunehmende Tradition von Huldigungsgeschenken, in Form von wertvollen Silberobjekten, ein.[2]
Bei dem Fürstenbergischen Lehensbecher handelt es sich um eine beindruckende spätgotische Goldschmiedearbeit, entstanden um 1480. Der vergoldete Silberbecher hat eine Höhe von knapp 40 cm und wird von einer reichen Blattwerkornamentik des bittersüßen Nachtschattens umrankt. Getragen wird der Becher von drei Bauernfiguren. Das Blütengebilde auf dem Deckel ist mit kaltem Schmelz in grüner Farbe versehen und war ursprünglich nach oben gerichtet. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung des heiligen Georg im Deckelinneren, der zu Pferd einen Drachen bezwingt. Diese Darstellung wurde wohl kaum zufällig gewählt: Denn die mutmaßlichen Besitzer, Heinrich VI. (1415–1490) und Heinrich VII. (1464–1499) von Fürstenberg, waren hochrangige Mitglieder der Rittergesellschaft vom Georgenschild. Die Initialen „H G Z F“ auf der Unterseite des Bechers sind entsprechend als nachträglicher Verweis auf einen dieser beiden Fürsten anzusehen.[3]
Der Ort der Herstellung – vermutlich Straßburg – lässt sich mit den engen Beziehungen der Familie Fürstenberg zu der Stadt erklären. Die dortige Goldschmiedekunst war weit über die Region hinaus bekannt und es lassen sich stilistische Parallelen des Bechers zu anderen Objekten finden. Im Besitz des Straßburger Kunstgewerbe-Museum befindet sich eine kleine Bronzefigur, die in ihrer Größe und Form mit den Trägern des Fürstenbergischen Lehensbechers nahezu identisch ist.[4]
Die Funktion des Fürstenbergischen Lehensbecher verleiht ihm eine zentrale Bedeutung im Kontext spätmittelalterlicher Herrschaftspraxis und deren Rituale. Im Anschluss an den Treueeid und die Lehensvergabe fand ein gemeinsames Mahl statt, bei dem der neu eingesetzte Lehnsmann aus dem Becher auf das Wohl des Fürsten trank.[5] Darüber hinaus symbolisierte das Trinken aus dem Becher eine Art rituelle Probe, um festzustellen, ob der Vasale würdig und fähig war, die ihm übertragenen Aufgaben zu erfüllen und seinem Lehnsherrn loyal zu dienen. Die Darreichung eines kunstvoll gefertigten, repräsentativen Trinkgefäßes markierte dabei nicht nur den Abschluss eines politischen Bündnisses, sondern stellte auch eine öffentliche Demonstration von Macht und wechselseitiger Bindung dar.[6]
Die Fotografie des Bechers entstand vermutlich 1881 während der Badischen Kunst- & Kunstgewerbe-Ausstellung in Karlsruhe, zur Feier der Silbernen Hochzeit Ihrer Königlichen Hoheiten des Großherzoges und der Großherzogin. Dort wurde der Lehensbecher durch den kunsthistorischen Sammler Marc Rosenberg dokumentiert, der Mitherausgeber des Ausstellungskataloges war.[7] Durch das große Interesse Rosenbergs an Goldschmiedewerken, gelangte die Fotografie höchstwahrscheinlich 1930 im Zuge einer Schenkung in die Sammlung des Kunsthistorischen Instituts Bonns.[8] Der Becher befindet sich heute im Besitz der Fürstlichen Familie Fürstenberg der Standesherrschaft Donaueschingen.
Carolin Hannes
Anmerkungen:
[1] Vgl. Salm 1970, S. 314.
[2] Ab 1520 erfolgte die Zunahme von Huldigungsgeschenke in Form von wertvollen Silberobjekten. Dazu gehörten zum größten Teil Pokale, aber auch Geld, Bestecke und Becher. Vgl. Elsner 2020, S. 314f.
[3] Da die Initialen für Beide zutreffend sind, ist man sich nicht sicher, für welchen Fürst der Becher hergestellt wurde. Vgl. Salm 1970, S. 314-319.
[4] Vgl. Salm 1970, S. 318.
[5] Die erste dokumentierte Verwendung des Fürstenbergischen Lehensbecher in diesem Kontext, stammt aus dem Jahre 1784. Vgl. Krezdorn 1970, S. 311.
[6] Vgl. Korth 1846, S. 110 f. und Spieß 2011, S. 16 f., 25, 30 f.
[7] Wer der/die Urheber*in der Fotografie war, lässt sich allerdings nicht feststellen. Vgl. Kachel/Rosenberg 1881, S. 13.
[8] Vgl. Droste/Mayer 2025, S. 25.
Literatur:
Droste/Mayer 2025
Hilja Droste & Gernot Mayer: Instituts- und Fachgeschichte im Spiegel der Fotografie. Die Fotosammlung des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn, in: Rundbrief Fotografie 32 (2025), Nr. 1, S. 22–34.
Elsner 2020
Ines Elsner: Quid pro Quo?! Städtische Huldigungssilberpräsente an die Welfen des Neuen Hauses Lüneburg 1520–1706, in: Matthias Müller/Sascha Winter (Hg.): Die Stadt im Schatten des Hofes? Bürgerlich-kommunale Repräsentation in Residenzstädten des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, Ostfildern 2020, S. 297–330.
Kachel/Rosenberg 1881
Gustav Kachel & Marc Rosenberg: Kat.-Nr. 100, in: Badische Kunst- & Kunstgewerbe-Ausstellung zur Feier der Silbernen Hochzeit Ihrer Königl. Hoheiten des Grossherzogs und der Grossherzogin. Textband Abtheilung II., hg. von Gustav Kachel/Marc Rosenberg (Ausst.-Kat. Karlsruhe, Badische Kunst- & Kunstgewerbe-Ausstellung, 1881), Karlsruhe 1881, S. 13.
Korth 1846
Johann Wilhelm David Korth: Trinken und Trinksucht, in: Oekonomisch-technologische Encyclopädie, oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirthschaft, und der Kunst-Geschichte - in alphabetischer Ordnung 188, Berlin 1846, S. 110–111, URL: https://www.kruenitz1.uni-trier.de/xxx/t/kt09005.htm [Abruf: 27.06.2025]
Krezdorn 1970
Krezdorn, Siegfried: Die Fürsten von Fürstenberg und ihre Vasallen, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen 28 (1970), S. 309–313.
Salm 1970
Christian Altgraf Salm: Der Fürstenbergische Lehensbecher, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen 28 (1970), S. 314–319.
Spieß 2011
Spieß, Karl-Heinz: Das Lehnswesen im hohen und späten Mittelalter, Stuttgart 2011.