Emmy-Noether-Gruppe „Körperform und Körpernorm. Nicht-/Behinderung in der westeuropäischen Kunst und visuellen Kultur des langen 19. Jahrhunderts“
Die Emmy-Noether-Gruppe „Körperform und Körpernorm“ analysiert Repräsentationen von Behinderung und Nicht-Behinderung in der westeuropäischen Kunst und visuellen Kultur des langen 19. Jahrhunderts und eröffnet dadurch Zugang zu Normen, die sich um die Funktionalität, Standardisierung und Ökonomisierung von Körpern ausgebildet haben und bis heute in Vorstellungen von ‚normaler‘, idealer oder normabweichender Körperlichkeit fortbe-stehen. In Anbetracht gegenwärtiger Entwicklungen der Diversifizierung und der Umsetzung gesellschaftlicher Teilhabe ist es unabdingbar, diese gewachsenen Normvorstellungen aufzubrechen und der Essentialisierung sowie Naturalisierung der Bewertung von Körpern entgegenzuwirken. Hierzu leistet die Noether-Gruppe einen innovativen Beitrag, der zudem das noch junge und zu wenig konturierte Forschungsfeld der internationalen Dis/ability Art History profiliert.
Dr. Nina Eckhoff-Heindl
Ellen Junger
Lea Melamed
Die Emmy-Noether-Gruppe "Körperform und Körpernorm" untersucht Darstellungen von Nicht-/Behinderung anhand der Prämisse, dass kulturelle Repräsentationen von Behinderung Teil eines historisch determinierten Diskurses sind. Die Einstufung eines Körpers als behindert ist demnach nur innerhalb gesellschaftlicher Systeme zu denken, da letztere darüber entscheiden, was als Behinderung und damit als Abweichung von der Norm gilt. Dieses ‚Behindert-machen‘ hat zur Folge, dass die angelegte Konstruktion von Behinderung auch diejenigen Körper reguliert, die als nicht-behindert und damit als ‚normal‘ gelten. Dementsprechend ist das Verständnis von Behinderung untrennbar mitdemjenigen von Nicht-Behinderung verflochten. In Darstellungen von Behinderung kommt dieser enge Bezug in besonderer Weise zum Tragen, da die Körper einer Markierung bedürfen, um sie als abweichend wahrnehmbar zu machen, und in eben diesen Darstellungsstrategien treten die ansonsten unsichtbaren Körpernormen in Erscheinung.
Bei Körpernormen handelt es sich um Ordnungssysteme, die aus Annahmen über die Gestalt und die Funktionsweisen menschlicher Körper bestehen und mit moralisch-ethischen Bewertungen einhergehen. Vor diesem Hintergrund analysiert die Noether-Gruppe Repräsentationen von Behinderung und Nicht-Behinderung in der westeuropäischen Kunst und visuellen Kultur des langen 19. Jahrhunderts mit Fokus auf Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Das Projekt setzt damit bei einer Zeit tiefgreifender Transformationen an, die von Normen der Funktionalität, Standardisierung und Ökonomisierung von Körpern geprägt war und deren Ausprägungen bis heute in Vorstellungen von ‚normaler‘, idealer oder normabweichender Körperlichkeit fortbestehen. Hierfür erfolgt erstmals eine gattungsübergreifende Erschließung der Darstellungen von körperlicher und kognitiver Behinderung der Kunst und visuellen Kultur mit Beginn der französischen Revolution bis zu den frühen Jahren der Weimarer Republik (ca. 1789–1923).
Ausgewählte Fallbeispiele werden durch einen repräsentationskritischen und medienspezifischen Ansatz in intersektionaler Perspektive analysiert. Durch das multiperspektivische Verfahren werden (1) die Bewertung von Nicht-/Behinderung in visuellen Repräsentationen dekonstruiert, (2) unmarkierte Norm- und Idealvorstellungen von Körperlichkeit und ihr Stellenwert in Kunstschaffen und -theorie aufgedeckt und (3) theoretische Vorannahmen bezüglich normabweichender Körperlichkeit innerhalb kunsthistorischer Fachdiskurse einer Revision unterzogen.
Workshop Wie machtkritisch ist die Kunstwissenschaft? Intersektionale Befragung kunsthistorischer Methoden, organisiert von Nina Eckhoff-Heindl, Frederike Eyhoff, Anita Hosseini und Fabian Röderer Williams, 26-27/09/2025, Universität für angewandte Kunst Wien
Konferenz Praktiken der Hervorbringung von Behinderung in Kunst und Literatur, organisiert von Nina Eckhoff-Heindl und Daniela Kuschel, 4-6/06/2025, Fritz-Thyssen-Stiftung Köln
Workshop Translating Embodiment, organisiert von Aminata Diouf, Nina Eckhoff-Heindl, Anna Krämer, Sandra Kurfürst und Julia Willms, 6-7/07/2023, Universität zu Köln
Online-Veranstaltungsreihe Ästhetiken der Zugänglichkeit. Barrierefreiheit in Kunst, Kultur und Forschung, organisiert von Nina Eckhoff-Heindl, SoSe 2023, Universität zu Köln. Videoaufzeichnungen [https://kunst.uni-koeln.de/blog/aesthetiken-der-zugaenglichkeit/]
Eckhoff-Heindl, Nina. „Körperform und Körpernorm. Dis/ability als Analysekategorie für die Kunst und visuelle Kultur des langen 19. Jahrhunderts“ | Bonner Kolloquium, 21/05/2026, Universität Bonn
Eckhoff-Heindl, Nina. „Dis/ability als Analysekategorie. Körpernorm in Kunst und Ästhetik des langen 19. Jahrhunderts“ | Vorlesung Cultural Disability Studies, 22/04/2026, Institut für Kulturwissenschaften, Universität Düsseldorf
Eckhoff-Heindl, Nina. „Intersektionalität am Beispiel von Freakshows und Repräsentationen Julia Pastranas“ | Ringvorlesung Mediengeschichte, 26/11/2024, Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln
Eckhoff-Heindl, Nina. „Making the invisible visible. Visual representations of madness from 19th century psychiatric contexts” | Tagung Disability History. New perspectives and interdisciplinary approaches, 6–8/11/2024, Universität Münster
Eckhoff-Heindl, Nina. „Intersektionale Perspektiven auf Freakshows des 19. Jahrhunderts“ | Ringvorlesung Mediengeschichte, 23/04/2024, Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln
Eckhoff-Heindl, Nina. „Encountering unmarked assumptions. How Disability Arts and Theory disclose body norms” | Symposium From Access to Acceptance: The Role of Disability in Art, 12–13/04/2023, University of Texas at El Paso, USA
Eckhoff-Heindl, Nina. “Inszenierungspraktiken in Freakshows des 19. Jahrhunderts. Julia Pastrana und die Veränderlichkeit von Körpernormen“ | 17. Tagung der Isa Lohmann-Siems Stiftung KörperZeiten. Narrative, Praktiken, Medien, 10–11/02/2023, Universität Hamburg
Eckhoff-Heindl, Nina. „Dis/Ability als kulturwissenschaftliche Perspektivierung der Medienanalyse“ | gemeinsam mit Véronique Sina, Gastvortrag bei der Kulturakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes, Weimar, 09/09/2019
Heindl, Nina. “Exploiting, Degrading, and Repellent. Against a biased Interpretation of Contemporary Art about Disability” | Vortrag bei dem 28th Annual Meeting der Society for Disability Studies, Atlanta/Georgia, USA, 10–13/06/2015
Eckhoff-Heindl, Nina. 2024. „Vermessung und Normierung des Körpers. Körpernormen der Proportionslehre am Beispiel von Johann Gottfried Schadows „Polyclet“ (1834).“ In: Ordnungssysteme in Architektur und Kunst. Hrsg. von Eva von Engelberg und Stephanie Herold, Siegen: Universitätsverlag, 48–55, Open Access [https://dspace.ub.uni-siegen.de/entities/publication/cef42db8-a3c8-4fce-a75e-9e0d8438b8a4]
Eckhoff-Heindl, Nina. 2024. „Julia Pastrana, Freakshows und die Zeitlichkeit von Körpernormen.“ In: KörperZeiten. Narrative, Praktiken, Medien. Hrsg. von Manuel Bolz, Fabian Röderer und Constanze Wallenstein. Berlin: Reimer, 59–80
Eckhoff-Heindl, Nina. 2020. „Dis/ability Art, Art about Dis/ability.” In: Behinderung. Kulturwissenschaftliches Handbuch. Hrsg. von Susanne Hartwig. Stuttgart: J.B. Metzler 2020, 318–320. Open Access [https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-476-05738-9_57]
Heindl, Nina. 2017. „Exploiting, Degrading, and Repellent. Against a biased Interpretation of Contemporary Art about Disability.“ In: Disability and Art History. Hrsg. von Elizabeth Howie und Ann Millett-Gallant. London/New York: Routledge 2017, 29–46.